Zukunftsvisionen mit Jeux Dramatiques
15.11.2012 um 18:00 Uhr
im Glockenspielhaus
(Abraham-a-Santa-Clara-Gasse 4, 8010 Graz)
Entscheiden wir uns für eine Welt, in der nur mehr Macht und Geld regieren? Oder können wir uns doch noch auf ein Leben, in dem der Mensch und eine intakte Mit- und Umwelt im Mittelpunkt stehen, rückbesinnen? Wie ist es, als Mächtiger die Fäden in der Hand zu haben und wie erlebt man den persönlichen Einsatz für eine lebenswerte Zukunft?
Unter der Anleitung von Gudrun Gruber (Leiterin für Jeux Dramatiques) können die Teilnehmenden ausgehend vom Liedtext „Brenna duats guat“ von Hubert von Goisern mit dieser theaterpädagogischen Methode in unterschiedliche Rollen schlüpfen. Durch das nonverbale Ausdrucksspiel können sie ausprobieren, wie sich die Zukunft ihren Rollen entsprechend anfühlen könnte. Die Spielenden agieren aus ihrer inneren Dynamik heraus und wie es ihren momentanen Empfinden und Erleben entspricht. Das gemeinsame Nachgespräch über die im Spiel gemachten Erfahrungen dient zur Abrundung der Eindrücke. Gemütlicher Ausklang beim Buffet.
Denkzeitraum mit Gudrun Gruber
Als die Teilnehmenden den Denkzeitraum betreten, sehen sie bunte Stoffe, Hüte, Musikinstrumente und allerlei Gegenstände auf den Tischen verteilt liegen. In der Mitte des Sesselkreises befindet sich eine mit Tüchern und zukunftsbezogenen Fotos gebaute Mitte, die als Einstimmung dient. Nach einführenden Worten von Gudrun Gruber dürfen sie sich aus dem breitgefächerten Fundus einen Gegenstand in den Kreis mitnehmen. Während einer Vorstellungsrunde hat jede Person die Möglichkeit zu erzählen, warum gerade dieses Objekt gewählt wurde. Im Anschluss daran erklärt sie die theaterpädagogische Methode der Jeux Dramatiques: Sie wurde in den 1930-er Jahren vom Pädagogen Léon Chancerel entwickelt. Übersetzt bedeuten sie „Ausdrucksspiel aus dem Erleben“. Das bedeutet, dass durch Bewegung und Gebärde inneres Erleben spielerisch ausgedrückt werden kann. Diese einfache Art des Spielens stellt eine Alternative zum klassischen Theaterspiel dar und liefert einen Beitrag zur Praxis des sozialen Rollenspiels. Jeux Dramatiques verlangen kein Vorwissen und keine Fertigkeiten im Vergleich zum Theaterspiel. Die Spielerinnen und Spieler müssen nicht während zahlreicher Proben Spieltechniken üben oder Texte auswendig lernen. Jede Spielerin und jeder Spieler darf bzw. soll aus sich heraus persönliches Empfinden ausdrücken. Die Jeux Dramatiques sind keine Methode, die speziell für eine bestimmte Altersgruppe entwickelt wurde, sie kann in jedem Alter eingesetzt werden. Dieser Ansatz begünstigt ein offenes lebendiges Lernen. Sie bereitet den Weg, eigene Fähigkeiten zu entdecken und stellt auch eine Möglichkeit zur Selbstentfaltung und Lebenshilfe dar. Einige Regeln dienen dazu, das Gelingen des Spielverlaufs zu gewährleisten:
• Es ist alles und jedes spielbar (Personen, Gefühle, Gegenstände etc.).
• Jede Person sucht sich ihre Rolle selbst aus.
• Jede Person spielt so, wie sie sich fühlt, d.h. sie kann der Rolle Charakter, Schicksal usw. einhauchen.
• Jede Person spielt ohne Sprache. Eingesetzt werden können aber nonverbale Laute und Ausdrucksarten.
• Jede Person spielt, „so, als ob“ – kein Schauspieler verletzt den anderen.
Nur Spielleiterin oder Spielleiter sprechen während des Spiels, weil sie oder er es durch Worte führen, sei es durch begleitendes Erzählen der Geschehnisse während des Spielverlaufs oder durch ein dem Spielfluss kohärentes Lesen eines Impulstextes. Ein Spiel besteht insgesamt aus vier Sequenzen, welche in der Länge variieren können, der Vier-Schritte-Aufbau bleibt aber bei jedem Spiel gleich:
Rohstoff
Der Rohstoff wird „materialisiert“ durch die Idee bzw. den Spielimpuls, mit welchem Spielleiterin oder Spielleiter die Gruppe zum Spielen anregen möchte. Spielleiterin oder Spielleiter sollten den Spielimpuls so wählen, dass das Interesse der Spielerinnen und Spieler geweckt wird, denn erst dann ist die Identifizierung mit den Rollen wirklich gegeben.
Spielvorbereitung
Im Sesselkreis sitzend erfolgt die Rollenwahl einzelner Spielerinnen und Spieler, die Rolle wird von der Einzelperson der Gruppe verbal mitgeteilt. Anschließend können sich Spielerinnen und Spieler mit Tüchern, Hüten und weiteren Utensilien, die Spielleiterin oder Spielleiter mitbringen, verkleiden und sich ihre benötigten Spielplätze bauen. Ist dies geschehen, gehen Spielleiterin oder Spielleiter noch einmal zu jeder Spielerin und zu jedem Spieler und fragt sie oder ihn: „Du bist und du möchtest?“ An dieser Stelle wird die eigene Rolle noch einmal laut hörbar für die ganze Gruppe wiederholt und ein eventueller Spielwunsch geäußert.
Praktische Durchführung
Jedes Spiel beginnt und endet mit einem Gongschlag. Die Zeit, die zwischen den beiden Gongschlägen liegt, erlaubt es den Spielerinnen und Spielern, ihren Spielwünschen nachzugehen und sich intensiv auf die eigene Rolle einzulassen. Durch Vermeiden von Sprache entsteht eine innere Dynamik, welche sich im Austausch und in der Begegnung mit anderen Mitspielerinnen oder Mitspielern ausdrückt. Während des Spiels ist es Aufgabe der Spielleiterin oder des Spielleiters, jenes mit Worten bzw. Sätzen, soweit es für den Spielverlauf notwendig ist, zu begleiten, damit das Spiel nicht ins Stocken gerät.
Verarbeitung – Nachgespräch
Nach einem Spiel ist das Energieniveau der Spielenden sehr hoch, da während dieses vielerlei Eindrücke und Erlebnisse gesammelt werden konnten. Das gemeinsame Nachgespräch bietet die Möglichkeit, zu berichten, zuzuhören und sich darüber auszutauschen, was während des Spiels erfahren wurde. Das Nachgespräch rundet das Spiel ab. Wichtig ist es, dass währenddessen seitens der Spielleiterin oder des Spielleiters, aber auch untereinander nicht gewertet wird, im Sinne von: „Du hast deine Rolle sehr gut gespielt…“.
Als Impuls dieses Denkzeitraums wird das Lied „Brenna tuats guad“ von Hubert von Goisern vorgespielt. Bevor die Teilnehmenden das Lied ein zweites Mal anhören, wird der Liedtext ausgeteilt, um diesen besser zu verstehen. Währenddessen können sie sich bereits überlegen, welche Rollen spielbar wären bzw. in welche Rolle sie gerne hineinschlüpfen möchten. Vom Lied angeregt werden Rollenwünsche wie Feuer, Teufel, Baum, Wiese, Keuschlerin, Begierde, Vergänglichkeit, Gewissen, Bankier oder Stadtpfarrer geäußert. Spielplätze werden im Glockenspielraum festgelegt und die Teilnehmenden können anhand der mitgebrachten Materialien ihre Plätze bauen und sich selbst verkleiden. Nach der Runde „Du bist und du möchtest“ beginnt das Spiel, das durch das erneute Abspielen des Liedes „Brenna tuats guad“ eingeleitet wird. Das Spiel selbst ist geprägt von zahlreichen Begegnungen und Ereignissen, die parallel ablaufen. Teufel versuchen mithilfe der Begierde die Bürger zum Bösen zu verführen und sie „zum Plotz, wo da Teifel seine Kinda kriagt“ zu bringen. Der Stadtpfarrer hält Messen und will die Bürger zu einem glaubensgemäßen Leben anleiten. Zwei Grundbesitzerinnen kümmern sich um ihre Tiere, sowie Wiesen und beteiligen sich wenig am Geschehen in der Stadt. Die Vergänglichkeit zieht ihre Kreise. Ein Jungunternehmer redet auf Menschen ein, sie könnten das große Geld machen. Durch Ertönen eines Geräuschs verweist der eine Teilnehmende in der Rolle des Genierers auf ethisch bedenkliche Aktionen der Spielenden. Auch das Gewissen ist stets bemüht, auf habgierige und die Natur gefährdenden Menschen einzuwirken. Die Wiese der Keuschlerin scheint durch Baupläne seitens der Post gefährdet. Eine Bürgerin versucht dieses Vorhaben durch einen Sitzstreik zu verhindern, aber die Grünfläche wird verkauft. Der Pfarrer versucht währenddessen, die Bewohner der Stadt aus den Klauen des Teufels zu befreien und alles zum Guten zu wenden. Der Baum in der Mitte der Stadt wird durch die Einflüsse der Bürger immer mehr geschwächt. Erst gegen Ende des Spiels wird dies von einigen Menschen erkannt und es gelingt ihnen, den Baum zu erhalten.
Im Nachgespräch wurden vielerlei Erlebnisse und Erkenntnisse in Bezug auf die Rollen der Teilnehmenden ausgetauscht und in den Kontext von Zukunftsvisionen gestellt: Es fällt oft nicht leicht, sich über die Zukunft den Kopf zu zerbrechen, weil das Leben im Jetzt mit seinen täglichen Abläufen, Routinen und Stressfaktoren die Menschen bis zur Erschöpfung im Bann haltet. Trotzdem kommt es zwischendurch zu einer Besinnung, wie die Zukunft aussehen könnte, wenn sie weiter wie bisher leben, und erkennen, dass dadurch wirklich wichtige Dinge verloren gehen würden.
















