06.09.2012

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Martin Griesbacher zu gesellschaftlichen Zukunftserwartungen

Martin Griesbacher ist Sozialwissenschaftler an der Karl-Franzens-Universität Graz. Der Denkzeitraum wird sich aus zeitsoziologischer Perspektive dem Thema Zukunft nähern. Erwartungen an die Zukunft, Vorstellungen über sie und mögliche gesellschaftlich vorgegebene Deutungsmuster der Zukunft werden in der Soziologie als ein gesellschaftliches Phänomen untersucht und diskutiert. Aus soziologischer Perspektive spielt es aber nicht nur eine Rolle, wie Zukunftsvorstellungen gesellschaftlich geprägt und vorgegeben werden, sondern auch, wie diese unser alltägliches Handeln beeinflussen (können). Wenn wir damit konfrontiert werden, dass in Zukunft gravierende Probleme zu erwarten sind, so kann uns dies dazu veranlassen, unser Alltagshandeln zu verändern. Vorausgesetzt, es bleibt noch Zeit im Alltag übrig, uns mit Problemen der Zukunft zu beschäftigen …

Beginn um 18 Uhr im Glockenspielhaus.

 

 

 © Klara Gruber (Institut für Philosophie – Arbeitsbereich Praktische Philosophie)

Denkzeitraum mit Martin Griesbacher

Im Vortrag von Martin Griesbacher wird die Frage aufgeworfen, was Zukunft aus einer soziologischen Perspektive eigentlich bedeutet. Während sich die Soziologie zwar auch mit historischen Fragestellungen wie auch möglichen zukünftigen Entwicklungen zuwendet, liegt im Regelfall der Fokus auf gegenwärtigen gesellschaftlichen Situationen. So kann auch die Frage nach der Zukunft als Problem gegenwärtiger Zukunftserwartungen aufgefasst werden. Herr Griesbacher betont an dieser Stelle mit einem Verweis auf den amerikanischen Pragmatismus (G. H. Mead), dass die Zukunft genauso spekulativ wie die Vergangenheit ist, da beide nicht gegenwärtig sind. Zukunft wird in der Soziologie auf zwei Ebenen behandelt: erstens wird Zukunft als soziales Phänomen betrachtet, d.h. man fragt danach, welche Bilder von der Zukunft vorherrschen und wie diese gesellschaftlich geprägt werden. Zweitens wird untersucht, wie diese Zukunftsbilder das gegenwärtige alltägliche Handeln beeinflussen. Denn wir können grundsätzlich davon ausgehen, dass unser jeweiliger gesellschaftlicher Kontext maßgeblich unsere Bilder von der Zukunft beeinflusst. Diese Beeinflussung können wir nach drei Aspekten unterscheiden: (1.) Welche Zukunftsbilder für uns überhaupt relevant werden; (2.) Wie diese Bilder bewertet werden. Als Beispiel führt Herr Griesbacher die Multikulturalität in Österreich an, die entweder als Chance oder als Untergang einheimischer Kulturen gesehen werden kann. (3.) Die Frage, ob wir uns überhaupt der Zukunft widmen. So führt ökonomische Instabilität zu einer eingeschränkten Zukunftsperspektive, gesicherte ökonomische Bedingungen hingegen führen zu einer offeneren Einstellung zu zukünftigen Entwicklungen.

Zukunftserwartungen begleiten unseren Alltag andauernd und beeinflussen unser Handeln. Dabei gibt es gewisse routinierte Erwartungen, die uns Stabilität im Alltag geben. Was passiert aber, wenn die Zukunft zu einem Problem wird? Je weiter heutige „Zukunftsprognosen“ in die Zukunft reichen, umso mehr soziale Katastrophen werden in den Debatten aufgeworfen. Wobei ökologische und soziale Katastrophen sehr schnell aus der Diskussion verschwinden, wenn eine ökonomische Katastrophe prognostiziert wird. Doch auch wenn man die Katastrophenerwartungen anerkennt, so bleibt doch die Frage, wie viel Zeit dem Einzelnen heutzutage überhaupt bleibt, sich mit zukunftsbezogenen Themen auseinanderzusetzen? Die westliche Zeitkultur ist auf der einen Seite von einem zeitökonomischen Denken geprägt, dass in so manchen Ausdrücken wie „Zeit ist Geld“, „Zeit sparen“ oder „Keine Zeit verschwenden“ zum Ausdruck kommt. Auf der anderen Seite ist sie von einem starken Beschleunigungstrend, von einer „Kultur der Beschleunigung“ (H. Rosa) bzw. einem „Tempo-Virus“ (P. Borscheid) gekennzeichnet; anstelle des gemeinsamen Mittagessens wird ein rascher Imbiss zu sich genommen, um die zur Verfügung stehende Zeit effizienter nutzen zu können. Keine Zeit zu haben, ist inzwischen sogar zum Statussymbol bzw. zur neuesten Modeerscheinung geworden. Diese allgegenwärtig scheinende Zeitknappheit manifestierte sich historisch gesehen vor allem in der obersten Schicht der Gesellschaft, etwa im Sinne der dreiteiligen Einteilung der Gesellschaft nach Pierre Bordieu. Diese kann dadurch ihre Wichtigkeit und Unverzichtbarkeit zum Ausdruck bringen. Doch auch untere Schichten begannen immer mehr, sich den oberen anzunähern und ihren sozialen Status durch Zeitmangel auszudrücken.

Zu den aktuellen zeitkulturellen Entwicklungen kann auch eine Destabilisierung ehemals fester Zeitgefüge gesehen werden. Arbeit dringt heute in Sphären vor, die früher beispielsweise geschützt waren. Früher gab es einen zeitlich relativ einheitlich geregelten Dienstschluss, nach dem die Menschen nicht mehr erreichbar waren. Mittlerweile hat sich die westliche Gesellschaft zu einer „Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft“ entwickelt (J. Rinderspacher), die die zeitlichen Grenzen zwischen Privat und Öffentlich verschwimmen lässt. Diesbezüglich stellt Herr Griesbacher die These auf, dass die Zeit der Gesellschaft immer mehr außer Kontrolle gerät und die Zeitorganisation immer mehr den Menschen selbst überlassen wird, was ein hohes Maß an Selbstverantwortung, aber auch an Überforderung mit sich bringt. Da fast keine stabilen Zeitfenster mehr vorhanden sind, könnte dem Menschen kaum noch Zeit bleiben, sich Problemen der Zukunft zu widmen.

 

 

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