31.05.2012

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Kurt Lüscher und Roberta Maierhofer zur Idee der Generationengerechtigkeit im Kontext der Generationenpolitik

Kurt Lüscher war zwischen 1971-2000 Lehrstuhlinhaber für Soziologie an der Universität Konstanz und ab 1989 Leiter des Forschungsschwerpunktes “Gesellschaft und Familie”. Sein aktuelles Forschungsinteresse liegt vor allem im Bereich der Generationenforschung, des Verständnisses der Idee der Generationen, der Generationenbeziehungen, der Generationenpolitik und -gerechtigkeit, sowie der Generationendialoge. Roberta Maierhofer, von 1999 bis 2011 Vizerektorin für internationale Beziehungen an der KFU Graz, ist Professorin am Zentrum für Interamerikanische Studien und am Institut für Amerikanistik der Universität Graz. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist das Alter und das Altern aus kulturwissenschaftlicher Sicht.

Beginn um 18 Uhr im Glockenspielhaus.

 

Rückblick

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Klara Gruber (Institut für Philosophie – Arbeitsbereich Praktische Philosophie)

Denkzeitraum mit Kurt Lüscher

Generationen – Generationenbeziehungen – Generationenpolitik

Wenn sich Menschen selbst zu einer Generation zugehörig fühlen oder gegenseitig als Angehörige einer Generation wahrnehmen, dann verbinden sich damit Vorstellungen, die bedeutsam für das Verständnis von Facetten der persönlichen Identität sind. Das zeigt sich im Fühlen, Denken und Handeln sowie in der Gestaltung sozialer Beziehungen, insbesondere auch in Generationenbeziehungen. Sie stehen in der Generationenarbeit im Zentrum. Es wird versucht, Fragen wie „Wie wird mit Differenzen zwischen den Generationen bzw. der Generationenzugehörigkeit umgegangen? Welche Prozesse des Lernens voneinander und miteinander finden statt und welchen Stellenwert haben Solidarität und Konflikt als auch die Erfahrung sowie die Gestaltung von Ambivalenzen?“ Antworten und Lösungsansätze zu finden und zu formulieren. Auf diese Weise rücken Generationenprojekte in den Kontext einer Generationenpolitik. Eines ihrer allgemeinen Ziele besteht in der Förderung des Verständnisses für Generationengerechtigkeit im Sinne der gesellschaftlichen Teilhabe.

Herr Lüscher betont, dass der Generationenbegriff bis in die Neuzeit männlich geprägt wurde. Menschen, die als Genies bezeichnet wurden, waren meistens Männer. Die Gestaltung der Generationenbeziehungen ist demnach eng mit der Gestaltung der Geschlechterbeziehungen verknüpft und durch das Verständnis und die Erfahrung von Differenzen gekennzeichnet. Die Lebenserwartung von Männern und Frauen ist beispielsweise verschieden, die Pflege um (Generations-)beziehungen wurde meist von Frauen übernommen. Und dennoch verweist gerade diese Differenz in Generation und Geschlecht auf etwas Gemeinsames. In ihr liegt die Möglichkeit, einen dynamischen Umgang zu erreichen, der die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede in sich vereint. Im wechselseitigen Umgang und gemeinsamen Tun von „Alt und Jung“ bestehen zahlreiche Möglichkeiten des gegenseitigen Lernens. Herr Lüscher spricht sich an dieser Stelle gegen die Vorstellung aus, dass das kulturelle Erbe von einer Generation zur nächsten Generation einseitig weitergegeben wird. Seiner Ansicht nach handelt es sich um einen interaktiven Transfer, den er als Prozess versteht. Alt und Jung lernen voneinander und gleichzeitig miteinander. Durch diese gemeinsame Auseinandersetzung mit den Lebenswelten kann im gemeinsamen Erleben etwas Neues entstehen.

In diesem Zusammenhang plädiert Lüscher für ein erweitertes Verständnis von Generativität. Ausgangspunkt sind die Verpflichtungen der älteren für das Wohlergehen der jüngeren Generationen, beispielsweise die Sorgepflicht der Eltern. Doch können die Jüngeren auch ein individuelles und kollektives Bewusstsein für das Wohl der älteren Generation entwickeln. Dadurch wird ersichtlich, dass die einzelnen Generationen gegenseitig aufeinander angewiesen sind. Dieser Aspekt sollte als moralische Verpflichtung postuliert und im eigenen Handeln berücksichtigt und umgesetzt werden.

In Bezug auf die Erfahrung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Generationen betont Lüscher, dass Generationen sowohl als gleich als auch als verschieden angesehen werden können; sie hegen füreinander gute sowie schlechte Gefühle, sind sich nah als auch fern bzw. wissen um ihre gegenseitige Angewiesenheit, streben aber zugleich nach Unabhängigkeit. Diese dynamischen Gegensätzlichkeiten vor dem Hintergrund von Gemeinsamkeit sind kennzeichnend für die Beziehungen von Generationen. Zur Kennzeichnung bietet sich der Begriff der Ambivalenz an. Die Erfahrung und der Umgang mit Generationenambivalenzen ist nicht nur belastend, sondern birgt in sich auch Potential für Offenheit und Innovation.

Wird die Gestaltung der Generationsbeziehungen als eine übergeordnete politische Aufgabe betrachtet, rückt das Postulat der Generationenpolitik in den Horizont. Darunter fällt die Schaffung von Gelegenheiten für Generationsdialoge. Sie veranschaulichen lebensnah die Bedeutung der Gestaltung der gegenwärtigen sowie zukünftigen Generationsbeziehungen für die gesellschaftliche Weiterentwicklung. Sie tragen dazu bei, Forderung nach Teilhabegerechtigkeit zu stärken, indem sie zeigen, dass alle Menschen egal welchen Alters die Chance haben sollen, sich am öffentlichen Leben zu beteiligen. Die Generationenpolitik hat sich als Praxis zu verstehen und soll u.a. die bestehenden Verflechtungen und Spannungsfelder ins öffentliche Bewusstsein rücken, um damit Anstöße zur demokratischen und politischen Gestaltung zu schaffen.

Zusammenfassend äußert Herr Lüscher: „Die Interessen zukünftiger Generationen werden dann am besten gewährleistet, wenn die Beziehungen unter den heutigen Generationen gerecht organisiert sind, also von allen Menschen in allen Lebensphasen persönlichkeitsfördernd und verantwortungsvoll gelebt werden können. Dies weitet den Blick in die Zukunft. Doch diese Einsicht lässt sich auch rückbezüglich lesen. Darum folgt zweitens: Werden die Interessen künftiger Generationen bedacht, stiftet dies Lebenssinn und hat dementsprechend Konsequenzen für das Zusammenleben unter heute lebenden Generationen.“

Denkzeitraum mit Roberta Maierhofer

Frau Maierhofer leitete ihre Präsentation mit den Fragen ein: „Wem gehört die Zukunft?“ „Wem gehört die Gegenwart?“

Sie bestimmt Generation als einen Begriff, mittels dessen eine Sequenz innerhalb der Lebensspanne ausgedrückt wird. Auch auf den Begriff des Alters, des „Altseins“ wird näher eingegangen, indem darauf verwiesen wird, dass das Alter keine festgelegte Kategorie darstellt. Die Frage, ab wann man als alt gilt, kann nicht objektiv, sondern nur in Relation zu anderen Menschen beantwortet werden. Das Alter ist eine kulturell definierte Kategorie und somit gehen auch bestimmte Verhaltenskodizes einher. Mit dem Bild „Not at your age“  (Abbildung 1) veranschaulicht Frau Maierhofer, dass es ein normatives altersentsprechendes Verhalten gibt und dies auch von den Mitmenschen gefordert wird.

 (Abbildung 1)

Herr Lüscher verwies bereits auf die Erfahrung von Ambivalenz in Hinsicht auf Generationen, was von Frau Maierhofer insofern aufgegriffen wird, indem sie ein Beispiel aus dem Bereich der Werbung zeigt, das plakativ die Trennung der Generationen fordert. Mit dem Slogan „No Kids, no Grannies“ soll für einen Sommerurlaub auf dem Henry Village Island für 18-30 Jährige geworben werden. Die Urlaubsanbieter garantieren, dass auf dieser Insel lediglich Personen dieser Altersgruppe und keine schreienden Kinder bzw. alte Menschen sein werden. Dadurch werden bestimmte Generationen bewusst ausgegrenzt und ein gemeinsames Miteinander verhindert.

Ein weiteres Beispiel für altersentsprechendes Verhalten bzw. für die Ausgrenzung von alten Menschen zeigt Abbildung 2, das für Studentenheimplätze in Oberösterreich wirbt. Die Botschaft bezieht sich gemäß Maierhofer nicht auf eine alte Frau, sondern auf junge Studierende. Subtil werde dadurch auch zum Ausdruck gebracht, dass ältere Menschen im universitären Bereich in der Rolle als StundentIn eher lächerlich dargestellt werden.

(Abbildung 2)

Mit einer bebilderten Werbeanzeige (Abbildung 3) wirbt die Bank Austria Creditanstalt für Studentenkontos. Um die Information, dass diese nur bis im Alter von 30 Jahren verwendet werden können, zu vermitteln, werden zwei ältere Menschen in der Kleidung von Jugendlichen dargestellt, die glauben, von den vielen Begünstigungen länger zu profitieren. Frau Maierhofer unterstreicht, dass in dieser Botschaft kein wie von der Europäischen Kommission und den Notwendigkeiten unseres Lebens formulierten Vorstellung vom Lebenslangen Lernen enthalten sind.

(Abbildung 3)

Die Thematisierung des Altersprozess ist meist negativ behaftet und wird als eine Art Verfall gesehen, was Abbildung 4 zeigt. Frau Maierhofer verweist auf die Anthropologin Sharon Kaufman, welche die Simplifizierung des Alterungsprozesses, der als eine Fallkurve schematisiert wird, kritisiert. Von Geburt an versucht der Mensch sich zu entwickeln, erwirbt Wissen, Kompetenzen und zahlreiche andere Eigenschaften. Auf dem Höhepunkt dieser dargestellten Alterstreppe angelangt, scheint es, als steige der Mensch wieder ab und verliere nach und nach seine Fähigkeiten. Das alternde Individuum wird auf jene Weise interpretiert, dass es sich gegen den Verfallsprozess zu wehren versucht.

 

 

 

(Abbildung 4)

 

Auch wenn technische Möglichkeiten entwickelt werden, um Alter spür- und fühlbar zu machen, so wie etwa der von M.I.T. entwickelte Ganzkörperanzug “Agnes” (Age Gain Now Empathy System), sind es noch immer die Narrative und die kulturellen Repräsentationen, die Erfahrungen eines Lebensverlaufs generationsübergreifend erlebbar machen. Das Verstehen der Matrix von Zeit und Erfahrung wird nicht durch das Simulieren imaginierter körperlicher Alterserscheinungen älterer Menschen erreicht, sondern durch eine generationsübergreifende Interaktion im Narrativ, was eine kreative und aktive Gestaltung der Gemerationsbeziehungen erst möglich macht.

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